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Deppenorakel

November 19, 2015

Politische und gesellschaftliche Entwicklungen weichen oft so konsequent von meinen Wunschvorstellungen ab, dass ich diesen Umstand schon fast prophetisch nutzen könnte. Im Vorfeld einer politischen Entscheidung brauche ich mir nur vorzustellen, wie ich es gerne hätte um zu wissen, dass genau das Gegenteil eintreten wird.

Das war historisch etwa beim Nato-Doppelbeschluss so, bei der Durchsetzung der Atomkraft im Lande und beim Bau des Flughafens im Erdinger Moos. Für die Zukunft kann ich laut Gegenteil meiner Wunschliste vorhersagen: Die dritte MUC-Startbahn und mit ihr die Aufhebung sämtlicher Nachtflugbeschränkungen werden kommen, TTIP wird etabliert und unsere Standards sowie demokratische Prinzipien aushebeln, die Ukraine wird konfliktträchtig der EU sowie der Nato beitreten, die Reste eines beschaulichen, kleinklimatisch relevanten Grünzugs mit Naherholungsfunktion zwischen meiner und einer Nachbarsgemeinde werden mit Gewerbeflächen zubetoniert und Cannabis wird selbst zu Heilzwecken weitgehend illegal bleiben. Am Ende wird sogar ein runder Politdarsteller in SPD-Maske, von dem man nie weiß, wofür und wohin er rollt, womöglich noch Kanzlerkandidat. Für Bayern schreckt mich wiederum die Vorstellung, dass irgendwann Frankenrambo Markus Söder Landesvater wird und genau deshalb wird er es werden.

Warum stimme ich so selten mit dem Mainstream überein? Bin ich ein notorischer Querulant oder, noch schlimmer, einfach einer, der nicht rafft, wie und wo es zum Wohle der Mehrheit langzugehen hat? Ich behaupte beidesmal ganz frech,  nein. Vielmehr checke ich es tatsächlich besser, bin belesener, informierter und damit weniger manipulierbar als der durchschnittliche Bundesmichel und seine Micheline. Ich falle weniger auf die Argumente cleverer und medienmächtiger Minderheiten herein, die die großen Mehrheiten zu deren Nachteil und ihrem Vorteil über den Tisch ziehen. Die uns ihren Nutzen als den unseren verkaufen wollen und dabei immer wieder – ihren symbolischen Blick jovial kumpelhaft auf unsere Augenhöhe senkend – an unsere Einsicht appellieren. Das Dumme ist: Sie haben mit diesem Schauspiel Erfolg. Nicht bei mir – aber bei vielen anderen. Und drum weiche ich erstens so konsequent von der Mehrheitsmeinung ab und stehe ich zweitens damit stets auf verlorenem Posten. Denn in einer Demokratie zählt die Mehrheit – auch wenn sie manipuliert ist.

Beispiel dritte Startbahn. Die brauchen wir! Unbedingt! Anderenfalls wird sich der Wirtschaftsstandort München und Umland zu einem agrarischen Komödienstadel zurück entwickeln! Lederhosen ohne Laptops! Und schließlich will ja auch jeder reisen, in den Urlaub fliegen. Gerade dieses letzte Argument fällt selbstkritisch aber dennoch falsch auf fruchtbaren Boden. Sogar  bei vielen von denen, die nur einmal alle fünf bis zehn Jahre in den Urlaub fliegen, aber tagtäglich den Lärm und Dreck startender und landender Flugzeuge über sich ergehen lassen müssen. Dabei wäre für sämtliche Urlaubsflieger, die heute mehr als 500 km entfernte Reiseziele von Erding aus anfliegen (bei kürzeren Entfernungen gewänne auf allen Ebenen meist die Schiene), Riem noch lange ausreichend gewesen. Aber das hätte u.a. den Grundstücksspekulanten, die mit frühem Insiderwissen sowohl in Riem als auch in Erding vom Flughafenumzug profitierten, nicht gefallen.

Wirklich gebraucht wurden und werden der neue Flughafen und irgendwann seine dritte Startbahn vor allem für Geschäfts- und Handelsflüge. Das hört sich oft wichtiger an als es ist. Ich schreibe aus Erfahrung. Würde ich alle Pressekonferenzeinladungen, die mir auf den Tisch flattern, annehmen, könnte ich mindestens einmal pro Woche nähere und fernere Ziele anfliegen, um dort eine Pressemappe abzuschreiben. Dafür fliegen dann dort wohnende Kollegen in meine Region, um hier das Gleiche zu machen. Dabei unkosten diese Flüge den Auftraggebern meist deutlich mehr, als wir mit den aus fernen Veranstaltungen geschriebenen Artikeln verdienen.

Oder die vielen Chefmarionetten, die im Land und um den Globus jetten um mit ihrer physischen Anwesenheit auf überregionalen Meetings ein Gewicht zu simulieren, das diese Meetings gar nicht haben. Denn die Entscheidungen werden anderswo und von anderen als den jettenden Chefmarionetten getroffen. Wenn diese dann schon nix zu sagen haben, dürfen sie sich wenigsten was aufs Jetten einbilden. Aber brauchen wir deshalb eine weitere Startbahn oder täte es für diese Klientel nicht ein an prominenter Stelle im Terminal platziertes ausrangiertes Kirmesfliegerkarussell, in das nicht jeder einsteigen darf?

Würde man die ganzen nicht nur ökologisch fragwürdigen Nonsensflüge streichen, müsste man eher eine Bahn ab als dazubauen. Aber wie gesagt, so sehe ich es. Und genau darum wird es anders herum kommen.

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