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Wer soll diesen Scheiß lesen?

August 4, 2017

Ich schreibe gerade wieder mal ein Buch. Eine solche Tätigkeit versetzt (fast) jeden Autor zumindest zeitweise in einen psychischen Ausnahmezustand. Als ich zum Beispiel vor über 20 Jahren mein erstes Buch schrieb, hatte ich bis zum Manuskriptabgabetermin noch etwa einen Monat Zeit und war mit meiner späteren Frau sowie einer ihrer Freundinnen zum Abendessen im Restaurant verabredet. Die beiden Damen amüsierten sich köstlich. Ich dagegen stierte stumm in mein Weißbierglas und dachte, wie können die lachen während ich ein Buch schreibe. Man tanzt doch auch nicht auf einer Beerdigung.

Selbst mit Koks in der Nase ist Zeit endlich

Was mich damals quälte, war die permanente Sorge, nicht rechtzeitig fertig zu werden. Bei Menschen wie mir, die an ausgeprägter Aufschieberitis leiden, ist eine solche Sorge nicht ganz unbegründet. Denn wenn man für ein Buch beispielsweise drei Arbeitsmonate veranschlagt, tut ein solcher Prokrastinierer im ersten Monat nichts und im zweiten fast nichts. Dann kann es im dritten und letzten Monat durchaus eng werden. Statt endlich einfach anzufangen, fragt man sich unter anderem, ob die innere Uhr, die einen bei üblichen normal langen Artikeln immer rechtzeitig warnt, jetzt konzentriert an die Sache ran zu gehen, auch beim Bücherschreiben, das man ja weit weniger gewohnt ist, funktioniert. Am Freitag einen Fünf-Seiten-Beitrag zu beginnen, der am Montag abzugeben ist, das kann noch gut klappen. Ein ganzes Buch übers Wochenende zu schreiben, ist dagegen selbst mit Koks in der Nase unmöglich, zumindest hab ich beides noch gar nicht erst probiert.

Was kann ich denn überhaupt?

Bei meinem aktuellen Projekt liege ich ganz gut in der Zeit. Ich bin mit dem Rohentwurf nahezu fertig und muss erst in einem Monat abgeben. Diesmal machen mir aber wieder obligate Zweifel über die Qualität des Geschriebenen das Leben schwer. Wer soll den Scheiß lesen, ist eine Frage, die sich gegenwärtig nicht nur einmal als dunkle Wolke über mein Gemüt schiebt. Erschwerend kommt hinzu, dass solche Zweifel sich dann nicht nur auf das Buchschreiben beschränken, sondern die gesamte eigene praktische und theoretische Existenzberechtigung in Frage stellen.

Was kann ich überhaupt, kommt mir dann in solchen zwanghaft grübelnden Stunden in den Sinn. Während unserer Küchenrenovierung, die in die Zeit meines gegenwärtigen Buchauftrages fiel, legte der Fliesenleger die Fliesen weit besser als ich es könnte und den tätowierten Küchenmonteuren aus den neuen Bundesländern hätte ich beim Küchenmontieren auch nicht das Wasser reichen können. Wahrscheinlich würde ich nicht mal zum mindestlohnbeklauten Zimmermädchen taugen. Erstens bin ich kein Mädchen und zweitens fehlt mir der Blick für Schmutzdetails. Ein von mir gefegtes Zimmer wäre nicht unbedingt gasttauglich. Außer es mietet sich einer ein wie ich, dem also der Blick für Schmutzdetails fehlt. Doch solche Menschen sollen selten sein. Zumindest als Kunden.

Von tief nach hoch und zurück

Ich habe mich in Buchautorzweifelstunden sogar schon dabei ertappt, mir die Frage aufzubürden, was ich mit meinen gebündelten Unfertigkeiten wohl in vergangenen Zeiten geworden wäre. Als Bauer zu faul, als Handwerker zu ungeschickt, als Landsknecht zu sehr am Leben hängend und als Bettelmann zu überheblich. Bliebe dann also selbst auf der Zeitreise durch vergangene Jahrhunderte /-tausende doch wieder nur der Job des Geschichtenerzählers übrig. Aber gerade der ist es ja, der meine ganzen Selbstzweifel induziert.

Na ja. In ein paar Wochen, wenn das Projekt abgegeben und für gut oder zumindest ausreichend befunden wurde, schaut die Welt wieder ganz anders aus. Da glaubt man dann, man könnte alles und hätte auch schon immer alles gekonnt; selbst Arnold Schwarzenegger im Neandertal im Keulenkampf besiegen und ihm Miss Höhle ausspannen. Aber auch diese Überschätzungsphase wird nicht von Dauer sein. Das nächste Buch bringt einen schon wieder unter den Boden der Tatsachen zurück.

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