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SARS-CoV-2-Infektionen bei Tieren

Sofern die Laborthese nicht doch noch gewinnt, ist das neue Pandemie-Virus SARS-CoV aus dem Tierreich auf den Menschen übergesprungen. Inzwischen sind auch Retouren bekannt. Anlass zu zusätzlichen Sorgen?

Die Frage liegt nicht zuletzt wohl auch vielen Katzen- und Hundehaltern auf dem Herzen. Kann sich mein geliebtes Haustier mit dem neuen Virus infizieren? Droht es in der Folge richtig krank zu werden oder gar daran zu versterben? Und kommt es umgekehrt auch wieder als Ansteckungsquelle von Menschen infrage? Die Wissenschaft kann bereits eine Reihe von Antworten bieten und die meisten sind eher beruhigend. Möglich, dass es anders aussähe, wenn sich Karl Lauterbach bereits auch dieses Themas angenommen hätte. Aber wir wollen hier sachlich bleiben und nicht polemisieren.

Die schlechte Nachricht zuerst

Forschende haben inzwischen bei einer Reihe von Säugetierarten nachgewiesen, dass sie unter experimentellen Versuchsbedingungen oder auch spontan mit dem uns aktuell heimsuchenden Virus SARS-CoV-2 infiziert werden können. Und diese Reihe ist sicher noch nicht abgeschlossen. Experimentell heißt hier, dass Versuchstiere beispielsweise gezielt virenhaltigen Aerosolen ausgesetzt werden. Spontan heißt, dass sich Tiere in ihrer gewohnten Umgebung bei einem infizierten Menschen, einem infizierten Artgenossen oder einem infizierten Tier einer anderen Art angesteckt haben.

Zu den prinzipiell empfänglichen Tieren, die man heute schon aus sporadischen Fallschilderungen sowie aus gezielten Ansteckungsexperimenten kennt, zählen verschiedene Zootiere wie Raubkatzen, Menschen- und Tieraffen, Hamster, Frettchen, Farm-Nerze, Marderhunde, einige wild lebende Säugetiere und eben auch Hunde sowie Hauskatzen. Die Wahrscheinlichkeit, mit der sich diese beiden beliebten Stubenraubtiere mit dem menschlichen Krankheitserreger anstecken, ist womöglich größer als ursprünglich gedacht.

Machen Sie mit?

Wie das Tierärzteportal VetLine berichtet, hatten Forscher der Universität Utrecht Blutproben von 310 Hunden und Katzen aus 196 Haushalten gesammelt, in denen in den vorangegangenen 200 Tagen mindestens eine Person mittels PCR positiv auf SARS-CoV-2 getestet worden war. Ergebnis: Bei 54 Tieren (17,4 %) wurden spezifische Antikörper gegen SARS-CoV-2 als Bestätigung einer stattgefundenen Auseinandersetzung mit dem beim Menschen gefürchteten Erreger gefunden.

Für eine noch laufende größere Studie, die sich ebenfalls mit der Rolle von Haustieren in der aktuellen Pandemie befasst, sucht das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, das Friedrich-Loeffler-Institut auf der Ostsee-Insel Riems, bundesweit Hunde- und Katzenhalter, in deren Haushalt in den letzten sechs Wochen beziehungsweise letzten drei Monaten mindestens eine Person PCR-nachweislich mit SARS-CoV-2 infiziert war. Interessenten können unter der Telefonnummer 038351 74981 Kontakt aufnehmen. Ihrem Tier passiert dabei bis auf eine kleine kostenlose Blutabnahme bei Ihrem gewohnten Tierarzt nichts und Sie erhalten eine Aufwandsentschädigung von 35 Euro.

Die gute Nachricht

Soweit die bisherigen Erkenntnisse diesen Schluss zulassen, können sich Hunde und Katzen mit dem neuen Erreger also infizieren, aber sie stecken ihn offensichtlich auch problemlos und meist ohne oder mit nur milden, vorübergehenden Symptomen der Atemwege oder auch des Magen-Darm-Traktes weg. Hunde wahrscheinlich noch besser als Katzen. Auch sind bislang weder Katzen noch Hunde und mit einer Ausnahme auch keine anderen Tiere als gesicherte oder plausible SARS-CoV-2-Ansteckungsquelle für Menschen in Erscheinung getreten. Die bislang einzige Ausnahme sind Farmnerze, die im November 2020 unter anderem in Dänemark und in den Niederlanden millionenfach gekeult worden waren, nachdem in den Beständen SARS-CoV-2 infizierte Tiere auffielen. Man geht davon aus, dass sich einige dieser Tiere bei infizierten Farmmitarbeitern angesteckt hatten und anschließend die Infektion im Bestand weiter verbreitet haben. Wie Virusgenanalysen ergaben, hatten die Nerze dann umgekehrt möglicherweise wieder einige Arbeiter und auch einige Hunde und Katzen auf diesen Pelztierfarmen infiziert.

Nerzfarmen sind potenzielle Virenreaktoren

Dabei muss man aber wissen, dass Nerzfarmen ganz spezielle virenfreundliche Biotope sind. Die bewegungsfreudigen, intelligenten Pelztiere, die von Natur aus Wasser liebende strikte Einzelgänger sind, werden in den Farmen unter artwidrigsten Umständen zu Tausenden auf engstem Raum gehalten. Der fehlende Abstand und das durch Stress reduzierte Immunsystem macht es allen möglichen Viren und anderen Krankheitserregern leichter, sich hier zu etablieren und zu verbreiten. Hinzu kommt, dass marderartige Tiere – und zu solchen zählen Nerze ebenso wie Frettchen – bekanntermaßen eine gewisse Schwäche für auch menschliche Atemwegsviren zu haben scheinen. Speziell Frettchen dienen schon lange als Tiermodell zur Erforschung der Influenza und werden diesbezüglich vielleicht auch zu Corona Karriere machen.

Aber selbst unter diesen virenfreundlichen Umständen haben sich die Nerze nur mit SARS-CoV 2 infiziert, sind aber in der Regel nicht ernsthaft daran erkrankt. Gekeult wurden sie aufgrund der berechtigten Sorge, die Farmen könnten dann doch zur Brutstätte neuer SARS-CoV-2 Mutanten werden.

Worst und best case

Warum sich Menschen aller Erkenntnis nach trotz engen Zusammenlebens bislang weder bei infizierten Hunden noch bei infizierten Katzen mit SARS-CoV-2 angesteckt haben, liegt wohl daran, dass sich das Virus in diesen Tieren wesentlich schlechter als im Menschen vermehrt. Die von ihnen oral oder sonst wie ausgeschiedene Virenlast könnte deshalb zu gering für eine infektiöse Dosis sein. Das schließt nicht aus, dass in einem seltenen Einzelfall nicht doch mal was passieren könnte. Nicht völlig ausgeschlossen, aber angesichts der gebremsten Virendynamik in diesen Tieren sehr unwahrscheinlich, ist auch, dass sich in ihnen eine Mutation entwickelt, die dann doch leichter auf den Menschen übertragbar ist. Genauso gut wäre aber vorstellbar, dass die geringe SARS-CoV-2 Virenlast, die Hunde oder Katzen absondern, zwar zu klein ist, um einen konfrontierten, noch nicht immunen Menschen manifest zu infizieren, aber dennoch dessen Immunsystem schon ein bisschen gegen den potenziellen Erreger im Sinne einer stillen Feiung stimuliert. Diese Beförderung von infizierten Hunden oder Katzen zu potenziellen Exekutoren einer „natürlichen Schutzimpfung“ ist allerdings noch hoch spekulativ.

Kein Trennungsgrund

Angesichts des bislang so gut wie ausgeschlossenen Infektionsrisikos vom Tier zum Mensch sehen mit der Thematik befasste wissenschaftliche Stellen wie das Friedrich-Loeffler-Institut keinen Grund, sich aus Angst vor Ansteckung dauerhaft oder vorübergehend von seinen Haustieren zu trennen. Auch unabhängig von Corona sollten aber Hygieneempfehlungen wie regelmäßiges Händewaschen, sich nicht das Gesicht belecken zu lassen und Tieren das Bett zu verwehren, beachtet werden. Ist man selbst infiziert und in Quarantäne, ist auch dass kein Grund, seine Haustiere auszuquartieren. Man sollte sie aber möglichst nicht anhusten oder anniesen. Übernehmen Dritte für einen infizierten Haushalt das Gassigehen des Familienhundes, besteht eine Infektionsgefahr weniger über den Hund als vielmehr beim Kontakt von Mensch zu Mensch beim Abholen des Tieres. Die Übergabe sollte deshalb nicht in sondern außerhalb der Wohnung und unter beidseitigem Maskentragen sowie Abstandswahrung erfolgen. Gut wäre auch eine gesonderte Leine, die nach Desinfektion für die Dauer der Besitzerquarantäne beim Aushilfsherrchen oder -frauchen verbleibt. Eine Impfung gegen SARS-CoV 2 von Hunden oder Katzen wird nicht empfohlen und ist in Deutschland auch nicht zugelassen.

Das Geheimnis der Weißwedelhirsche

Nicht nur Haustiere oder in Gefangenschaft lebende Wildtiere sondern auch zahlreiche frei lebende Tiere, die eher keinen direkten Kontakt zu Menschen haben, können sich offensichtlich mit dem neuen Virus infizieren. Eindrucksvolle Ergebnisse liegen von US-amerikanischen Forschergruppen vor, die das Blut von Weißwedelhirschen, eine in Nordamerika sehr häufige und jagdlich beliebte Hirschart, untersucht haben. Dabei wiesen sie in bis zu 80 Prozent der während der Pandemie gezogenen Proben spezifische Antikörper gegen SARS-CoV-2 nach. Bewerkenswert war, dass sich die positiven Befunde in zum Teil weit voreinander entfernten Gebieten fanden. Dies und Genanalysen isolierten Virenmaterials legen zum einen nahe, dass die Hirsche das Virus, das sie nicht oder nicht nennenswert krank macht, untereinander verbreiten. Zum anderen aber auch, dass das Virus nicht nur einmal sondern häufiger von Menschen in die Hirschpopulation eingebracht worden sein musste. Doch wie? Darüber rätseln die Forscher noch.

Infektionsquelle Waldrastplatz?

Eine nahe liegende Erklärung ist die Eigenschaft vieler Wildtiere, sich nachts auf waldnahen Autorast- oder Müllplätzen herumzutreiben um dort nach Essbarem zu suchen. Pflanzenfresser wie eben Hirsche sind dabei auch immer gierig auf Salziges, weshalb sie ihre Nasen vielleicht besonders gern auch in weggeworfene voll geschnäuzte Taschentücher stecken. Eine offizielle Theorie ist dieses Detail trotz seiner Plausibilität aber noch nicht.

Spannend ist angesichts der hohen SARS-CoV-2-Durchseuchung von Weißwedelhirschen auch, wie diese so schnell vonstatten gehen konnte. Kam das Virus, wie allgemein angenommen, wirklich erst Ende 2019/Anfang 2020 in die USA oder war es in einigen stillen Tierreservoiren vielleicht schon länger da? Diese Frage hatten wohl auch die bereits zitierten amerikanischen Forscher interessiert. In vor 2019 gesammelten Blutproben fanden sich keine Antikörper, aber immerhin in dreien von 2019.

Risiken und Chancen

Die Tatsache, dass SARS-CoV-2 nicht nur Menschen sonder auch unterschiedliche Haus- und Wildtiere befallen und als Reservoire nutzen kann, mag beunruhigend erscheinen. No-/Zero-Covid zu erreichen, wird damit noch unwahrscheinlicher als es schon ohne diese artenübergreifende Eigenschaft des Virus wäre. Auch befürchten manche Experten, SARS-CoV-2 könnte in einem unbekannten Wildtier, das es vom Menschen aus gekapert hat, heimlich vor sich hinmutieren um früher oder später als noch gefährlicheres Virus zurück zu kehren. Aber so ein doppelter Artensprung hin und zurück ist wohl nicht wahrscheinlicher als dass ein bislang exklusives gefährliches Tiervirus den Weg auf uns findet.

In der Infektion von Tieren durch SARS-CoV-2 liegen jedoch nicht nur Risiken sondern auch Chancen. Warum ist es für so gut wie alle bekannten Tiere, die es bislang infiziert hat, scheinbar weniger gefährlich als für den Menschen? Welche Faktoren schützen die Tiere vor einem schweren Krankheitsverlauf und könnten diese Faktoren Ausgangspunkt für neue therapeutische und prophylaktische Maßnahmen beim Menschen sein? Und mindestens genauso wahrscheinlich, als dass eine gefährlichere SARS-CoV-2-Variante aus dem Tierreich zu uns zurückkehrt, könnte es auch eine weniger gefährliche sein. Etwa eine, die zwar hoch infektiös aber weniger krankmachend ist und – wieder im Sinne einer „natürlichen Schutzimpfung“ – pathogeneren Mutanten den Zugang zu uns verbaut. Es gab sogar schon vereinzelte Expertenmeinungen, Omikron könnte ein solcher eher vorteilhafter als bedrohlicher Rückkehrer sein.

Erschienen in der Abendzeitung vom 07. 02. 22

Dumm gelaufen

Eine meiner regelmäßigen Joggingrunden führt mich über die abgebildete Würmbrücke nahe der Mündung des Flusses aus dem Starnberger See in die Amper. Seit einigen Wochen verbieten zwei mehrere Tonnen schwere Blöcke das Betreten der Brücke. Lebensgefahr!

Das zuständige Amt oder auch der möglicherweise zuständige private Brückenbesitzer haben ihrer Aufsichtspflicht damit Genüge getan, aber letztendlich alles schlimmer gemacht. Warum?

Ich denke, die meisten, die zu Fuß oder per Fahrrad an dieser Brücke ankommen, passieren sie trotzdem. Weil, wenn die Brücke diese beiden tonnenschweren Panzersperren aushält, wird sie auch zusätzliche maximale 100 Kilogramm Mensch aushalten.

Sollte dann wider Erwarten ein solches relatives Leichtgewicht doch das Zünglein an der Waage sein, welche die Brücke zum Einsturz bringt, kann man doch davon ausgehen, dass das ohne die vielfache Vorbelastung durch die Sperrblöcke nicht passiert wäre.

Falls doch, hätte der Einstürzende wohl bessere Überlebenschancen, wenn ihm zusätzlich zu Brückenteilen nicht auch noch ein oder beide Quader auf den Kopf fallen würden.

Also warum nicht einfach ein übliches Schild am Geländer anbringen mit dem Hinweis, dass das Betreten der Brücke verboten oder auf eigene Gefahr ist. Und die Blöcke, wenn schon, dann vor und nach der Brücke platzieren, so dass sie kein dicker SUV benutzen und eher überlasten kann als jemand zu Fuß.

Ein bisschen erinnert mich dieser Schildbürgerstreich an die nun seit rund zwei Jahren vor sich hin dilettierende Coronapolitik. Da dürfen sich jetzt sowohl die angesprochen fühlen, denen sie zu wenig als auch jene, denen sie zu viel oder das Falsche gemacht hat. Wozu ich tendiere, könnte erahnen, wer meine sonstigen Artikel, Blog- und Twitterbeiträge zum Thema liest.

PS: Ich hoffe, mir lauert jetzt bei meinem nächsten Joggingtrip an der Würm nicht die Polizei auf, um mich auf frischer Wiederholungstat zu ertappen. Auch meine Haftpflichtversicherung möge sich nicht auf diesen dann erfundenen Beitrag berufen und die Leistung verweigern, wenn ich die Brücke jenseits aller Wahrscheinlichkeiten dennoch mal beim versehentlichen Überqueren zum Einsturz brächte.

Nachtrag 07.02.22

Als Journalist hofft man ja immer, mit seinen Texten auch mal was zu bewegen. Hier scheint es tatsächlich geklappt zu haben. Doch so ganz ohne Schild ist der Bürgerstreich immer noch nicht. Erstens ist jetzt auch schweren Autos die verbotene Überfahrt nicht mehr physisch verwehrt. Und wenn sie angesicht der an der Amper mündenden Sackgasse von der dominanten Seite kommen, also hier aus Richtung des gelben Radwegweisers, erfahren sie nicht einmal mehr, dass sie nicht über die Brücke sollen. Dazu hätte man den einen umgestellten Quader um 90 oder 180 Grad drehen müssen. So wie jetzt, versteckt sich die Schrift in Richtung Geländer.

Frohes Fest

Da glaube ich, gerade erst Badehose und Sonnenschirm weggepackt zu haben. Und schon werde ich von Weihnachten überrascht. Für rechtzeitige Weihnachtsgrüße ist es schon fast wieder zu spät. Aber für Wünsche zu einem guten neuen Jahr bin ich noch top in der Zeit. Und einer meiner Wünsche ist, dass Omikron entgegen den Unkenrufen von Karl Lauterbach und seiner US-amerikanischen Panik-Quelle Eric Feigl-Ding nicht ein weiteres Problem sondern ein Teil der Lösung wird. Wie in meinem Artikel „Killerviren bleiben evolutionstheoretisch auf der Strecke“ dargelegt, neigen pandemische Viren dazu, in Richtung infektiöser aber milder zu evolvieren. Sie gewähren damit bei abnehmendem Risiko eine natürliche Immunisierung, die breiter und anhaltender sein könnte als es gegenwärtige Impfstoffe, die nur wenige Virusantigene fokussiert, vermögen. Möglich, dass Omikron ein entscheidener Schritt in diese Richtung ist, von dem Ungeimpfte und Geimpfte hoffentlich gleichermaßen profitieren. Zu hoffen bleibt auch, dass Politiker und Wissenschaftler einen solchen Schritt gegebenenfalls erkennen anstatt ihn zu boykottieren.

In diesem Sinne: Besinnliche Feiertage und ein gutes Neues Jahr

Wieder mal unzufrieden mit der RKI-Pressestelle

Immer wenn ich mir eine Antwort vom RKI zu Coronafragen wünsche, plane ich die Enttäuschung schon mit ein. Denn Frau Glasmacher antwortet zwar meist erstaunlich schnell. Nur hat die Antwort oft wenig mit der Frage zu tun. Oder das RKI fühlt sich nicht zuständig; meint zumindest Frau Glasmacher. Zwei ältere  Beispiele finden sich hier oder dort.

Meine aktuelle Anfrage lautete wie folgt:

Von: Werner Stingl <redwesti@aol.com>
Gesendet: Dienstag, 27. Juli 2021 15:55
An: RKI-Pressestelle <Presse@rki.de>
Betreff: Anfrage Coronavirus-Evolution

Sehr geehrte Damen und Herren,

 mit der Bitte um Beantwortung der folgenden 4 Fragen. Danke:

 1.) Könnte die breite Testung asymptomatischer Menschen auf das neue Coronavirus und die konsekutive Quarantänepflicht symptomlos Positiver milden Mutanten den selektiven Vorteil entziehen und damit eine wünschenswerte (übliche)Virusevolution in Richtung „mild(er)“ signifikant verlangsamen oder gar verhindern? 

2.) Wenn Sie dazu  keine Aussage machen können – hat man über ein solches Problem im RKI zumindest nachgedacht? 

3.) Wenn nein, warum nicht? 

4.) Wenn ja, mit welchem Resultat?

Mit freundlichen Grüßen

Werner Stingl

Die Antwort kam bereits nach gut zehn Minuten. Lieber hätte ich allerdings eine Woche drauf gewartet und dafür das Gefühl gehabt, jemand habe über die Fragen nachgedacht. Hier jetzt O-Ton-Glasmacher:

Sehr geehrter Herr Stingl,

vielen Dank für Ihre Anfrage. Ich sehe nicht, wie Tests die Evolution des Virus beeinflussen könnten. Ggf. kann die Gesellschaft für Virologie weiterhelfen.

Mit freundlichen Grüßen

Im Auftrag

Susanne Glasmacher

Pressesprecherin

Robert Koch-Institut

Nordufer 20

13353 Berlin

Die Antwort von Frau Glasmacher bürgt jetzt nicht gerade für großen Sachverstand. Den muss eine Pressesprecherin ja auch nicht unbedingt zu jeder ihr Institut tangierenden Angelegenheit haben. Aber sie sollte vielleicht wissen, wer an ihrem Institut diesen Sachverstand haben könnte und die Frage an die entsprechende Stelle weiterleiten. Vielleicht habe ich meine Frage aber auch zu missverständlich gestellt und Frau Glasmacher damit über- oder unterfordert, was ja oft zu einer gleichen Konsequenz führt. Jedenfalls habe ich mich geärgert und das der Dame mit folgenden Worten mitgeteilt:

Liebe Frau Glasmacher, 

angesichts der Erfahrung, dass nichts sagende Antworten auf ernsthafte Fragen aus Ihrem Haus eher Regel denn Ausnahme sind, frage ich mich, ob Sie Anfragen an kompetente Stellen weiterreichen oder ob  Sie die Antworten einfach aus unbedarften Ärmeln schütteln.

Mit freundlichen Grüßen 

Werner Stingl

Ein Kollege, dem ich diesen E-Mail-Wechsel CC schickte, teilte meinen Verdacht des unbedarften Ärmels, gab aber auch zu bedenken, dass ich im RKI wohl schon längst einen Spinner-Stempel trage. Ob das jetzt eher Kritik an mir oder am RKI war, darüber grüble ich noch nach.

Für alle, die wie Frau Glasmacher nicht so recht was mit meinen vier Fragen anzufangen wissen, sei zur trivialen Hintergrundvermittlung auf diesen meinen nicht mehr ganz aktuellen Text aus der Abendzeitung vom 20. April 2020 verwiesen.

Wo sind Grippe und Schnupfen geblieben?

Wohl als Konsequenz der Corona-Schutzmaßnahmen, ist in diesem Winter die Zahl der Grippe- und Erkältungspatienten auf ein historisches Tief gesunken. Was man daraus folgern kann – und was nicht.

1992 wurde von vier pharmazeutischen Unternehmen und dem Deutschen Grünen Kreuz die Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) gegründet. Seit 2009 leitet das Robert-Koch-Institut alleinverantwortlich diese Einrichtung der nationalen Grippeüberwachung.  

533 versus über 180.000 laborbestätigte Grippefälle

Seitdem die AGI ab 1992 die Grippehäufigkeit systematisch erfasste, hat es in Deutschland – wie auch in vielen anderen Ländern der Nordhalbkugel – noch nie annähernd so wenige Patienten mit „echter“ Grippe gegeben wie im Winterhalbjahr 20/21. Gerade mal 533 laborbestätigte Influenzafälle hat die AGI bis 23. April 2021 dokumentiert. Zwar dauert die Anfang Oktober beginnende Grippesaison offiziell noch bis Mitte Mai, doch viel mehr werden es aller Wahrscheinlichkeit nicht mehr werden. Zum Vergleich: Für die beiden vorangegangenen Grippesaisonen wurden je über 180.000 labormedizinisch bestätigte Influenzafälle gemeldet und in der außergewöhnlichen Grippewelle der Saison 2017/18 über 330.000. Zwar ist sowohl für dieses Jahr als auch für die Vorjahre von einer erheblichen Dunkelziffer auszugehen, doch die Relationen dürften in etwa gleich bleiben.

Auch die Zahlen der mit einer laborbestätigten Grippe assoziierten Todesfälle spiegeln die diesmal praktisch ausgebliebene Grippewelle wider. Während RKI-Angaben zufolge in dieser Saison bislang (Stand 23. April) lediglich 13 Menschen infolge einer laborbestätigten Influenza gestorben sind, waren es in den Vorjahren fast immer mehrere Hundert und während der schweren Grippewelle 2017/18 immerhin rund 1.700.

Um Irritationen vorzubeugen: die immer wieder zu lesende durchaus plausible Zahl von tatsächlich 25.000 Grippetoten während der schweren Grippesaison 2017/18 beruht auf der erfassten Übersterblichkeit in dieser Zeit und damit auf einer anderen Erhebungsgrundlage, die der hohen Dunkelziffer Rechnung tragen will.

Auch banale Atemwegsinfekte im Tief

Doch nicht nur die manchmal selbst bei jüngeren Menschen schwer verlaufende echte Grippe (Influenza) sondern auch banale virale Atemwegsinfekte mit Schnupfen, Husten und/oder Heiserkeit bewegten sich in der diesjährigen Erkältungssaison auf niedrigstem Niveau, wie die ebenfalls von der AGI am RKI erstellte wöchentliche ARE-Statistik für Deutschland zeigt. ARE steht für „Akute Respiratorische (= die Atemwege betreffende) Erkrankungen“. In dieser Statistik werden neben Infektionen mit Influenza-Viren und dem neuen Coronavirus auch die wesentlich harmloseren aber viel häufigeren Atemwegsinfekte durch übliche Erkältungsviren erfasst. Hochrechnungsgrundlage sind die regelmäßigen Erkältungssymptom-Mitteilungen von mehreren tausend Menschen, die sich als „ständige Stichprobe“ für das GrippeWeb der AGI registriert haben sowie Meldungen von mehreren hundert niedergelassenen so genannten Sentinel (Wächter)-Arztpraxen.

 Obwohl die ARE-Statistik Zuwachs durch Infektionen mit dem neuen Coronavirus, die überwiegend eben auch als akute Atemwegsinfektionen gezählt werden, bekam, lag der Kurvenverlauf der Aktivität aller akuten Atemwegsinfektionen in der Erkältungssaison 2020/21 stets  -und streckenweise sehr weit – unter dem der Vorjahre (https://influenza.rki.de/Wochenberichte/2020_2021/2021-16.pdf).

Einbruch bei Erkältungsmitteln

Wenig überraschend, untermauert ein Absatzeinbruch bei Erkältungsmitteln den Rückgang von Erkältungen. Wie die Tagesschau am 8. März 2021 in einem Onlinebericht mitteilte, mussten die deutschen Apotheken für die ersten drei Quartale des Jahres 2020 gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres bei Erkältungsmitteln einen Schwund um 13 Prozent hinnehmen. Der Höhepunkt des Schwundes war aber in den ersten drei Quartalen 2020 noch gar nicht erreicht, wie etwa eine eigene Statistik des Dachauer Apothekers Dr. Thomas Bayer nahe legt. Bayer hatte die Haupterkältungsmonate November, Dezember, Januar und Februar fokussierte. Im Vergleich zu dieser Periode der Vorsaison erlebte Bayer in der aktuellen Saison bei den vier am häufigsten nachgefragten Erkältungsmitteln ein Absatzminus von 77 Prozent. Um falschen Schlüssen vorzubeugen: Aus Sorge vor Engpässen gehamstert wurde erst ab März 2020, weshalb bis Februar 2020 von einer davon noch unbeeinflussten Nachfrage auszugehen ist. Dagegen könnten in der offiziellen landesweiten Apothekenstatistik Hamstereffekt durchaus dazu geführt haben, dass der Einbruch 2020 gegenüber 2019 weniger dramatisch war als es die gesunkene Erkältungshäufigkeit erwarten ließ.

Die Gründe

In der Hauptantwort auf die Frage nach den Gründen für den deutlichen Rückgang aller viralen Atemwegsinfektionen einschließlich Grippe in Corona-Zeiten herrscht in Medizin- und Wissenschaftskreisen weitgehend Einigkeit. Offensichtlich schützen die zur Abwehr einer Infektion mit dem neuen Coronavirus Sars-CoV-2 eingeleiteten Maßnahmen wie insbesondere Aussetzen von Großveranstaltungen, Homeoffice, sonstige Kontaktbeschränkungen, Abstand, Handhygiene und Masken auch vor anderen Atemwegsviren. Das ist durchaus plausibel, zumal sämtliche Atemwegsviren einschließlich Sars-CoV-2 und Influenza den gleichen Infektionswegen folgen.

Nachrangig kommen noch weitere Erklärungen infrage. So ist denkbar, dass so mancher Erkältete aus Angst, sich in Arztpraxis oder Apotheke noch zusätzlich eine Corona-Infektion einzufangen, diese Orte gemieden hat und deshalb der Statistik verborgen geblieben ist. Auch mag der eine oder die andere eine Erkältung versteckt haben, um einem sonst möglicherweise geforderten Coronatest mit eventuell folgender Quarantänepflicht auszuweichen.

Speziell was die Grippe-Reduktion betrifft, könnte die aus Sorge vor einer Influenza-Corona-Doppelinfektion vorangetriebene etwas stärkere Inanspruchnahme der Grippeschutzimpfung einen Betrag geleistet haben. Das nahezu komplette Ausbleiben der Grippe lässt sich damit aber nicht annähernd erklären.

Fraglicher Umkehrschluss

Wenn nun tatsächlich das Ausbleiben der Grippewelle und der ebenfalls eindrucksvolle Rückgang gewöhnlicher Erkältungskrankheiten höchstwahrscheinlich vor allem den Corona-Schutzmaßnahmen zu verdanken sind, ist das doch wohl tatsächlich ein überzeugender Beleg für die Wirksamkeit zumindest einiger dieser Maßnahmen gegen jegliche Ansteckung mit Atemwegsviren. Könnte man somit im Umkehrschluss folgern, dass ohne die neu etablierten Schutzmaßnahmen nicht nur Grippe- und Erkältungskrankheiten auf gewohntem Niveau stattgefunden hätten sondern mit einem entsprechenden Steigerungsfaktor auch ein Mehr an Coronainfektionen und –opfern hinzunehmen gewesen wäre? Der Schluss scheint plausibel, ist aber dennoch nicht zwingend. Denn womöglich hat gerade der Wegfall der sonst häufigeren Grippe sowie der banalen Erkältungskrankheiten, die nahezu jeden Menschen üblicherweise ein bis mehrmals im Jahr ereilen, dem neuen Coronavirus so manche Infektion sogar erleichtert. Wie das?

Um den hier notwendigen virenökologischen Gedankengang leichter verstehen und akzeptieren zu können, erlauben Sie bitte einen kleinen Rückblick auf ein Ereignis, das als Paradebeispiel für die fatalen Konsequenzen ökologischer Ignoranz in die Geschichte eingegangen ist.

Maos Spatzenkrieg

1958 ordnete der große chinesische Revolutionär und Staatslenker Mao Zedong im Zuge der Kampagne „Ausrottung der vier Plagen“ an, neben Fliegen, Stechmücken und Ratten auch möglichst alle Spatzen des Landes auszumerzen. Denn, so der ökologisch unbedarfte Diktator, die abermillionen Vögel fräßen jedes Jahr viele Tonnen von Getreide und schmälerten damit die Nahrungsmittelversorgung der chinesischen Menschen. Unter Einsatz der gesamten Bevölkerung wurden Spatzen flächendeckend bis zum Erschöpfungstod in die Luft gescheucht, erschlagen, mit Leimruten und Fallen gefangen, mit Steinschleudern abgeschossen sowie ihre Nester zerstört. In den ersten drei Tagen der Aktion soll laut eines Spiegel Online-Berichts vom 16. März 2020 400.000 Spatzen der Garaus gemacht worden sein, in der Folgezeit insgesamt bis zu zwei Milliarden. Dieser „Erfolg“ führte jedoch keineswegs zu größeren Ernten, sondern zur berüchtigten dreijährigen Hungersnot, der vorsichtigen Schätzungen zufolge von 1959 bis 1961 25 Millionen Chinesen erlegen sind. Befreit von ihren gefiederten Verfolgern, hatten sich Wanderheuschrecken explosionsartig vermehrt. Und die begnügten sich nicht wie die fleißig auch Insekten verzehrenden Vögel mit einem vergleichsweise kleinen Obolus an der Getreideernte, sondern sie fraßen vom Keimling bis zur Frucht nahezu sämtliche Pflanzen, mit denen sich Menschen und Nutztiere ernährten.

 Maos Spatzenkrieg und seine Folge zeigen auf eindrucksvolle Weise, wie die unüberlegte Wegnahme eines scheinbaren Übels ein weit schlimmeres nach sich ziehen kann. Agieren wir im Kampf gegen Viren im Allgemeinen und gegen das neue Coronavirus im Speziellen ein bisschen wie Maos Spatzenkrieger?

Verlust an Kreuzimmunität …

Etwa 15 Prozent aller gewöhnlichen Erkältungskrankheiten werden bei uns durch vier Coronavirus-Arten hervorgerufen, die schon lange in der Bevölkerung zirkulieren und die für Menschen wesentlich harmloser sind als das neue Coronavirus. Dabei unterstützen aktuelle Studienergebnisse, zuletzt etwa die einer Arbeitsgruppe der Universität Münster, Vorstellungen, wonach Infektionen mit diesen harmlosen Coronaviren im Sinne einer Kreuzimmunität einen gewissen Schutz vor zumindest einer schwer verlaufenden Infektion mit dem neuen Coronavirus bieten. Immunologischen Gesetzmäßigkeiten folgend, dürfte dieser Schutz umso ausgeprägter sein, je weniger weit die potenziell kreuzimmunisierenden Infektionen zurück liegen und je öfter sie einen Menschen bereits ereilt haben. Ein markanter Rückgang von Bagatellinfektionen mit alten Coronaviren im Verlauf des letzten Jahres könnte also dazu geführt haben, dass die noch ungeimpfte Bevölkerung für das neue Coronavirus inzwischen sogar anfälliger geworden ist als sie es zu Beginn der Pandemie war. 

Und sie könnte weiter umso anfälliger werden, je stärker und länger man die vergleichsweise harmlosen kreuzimmunisierenden alten Coronaviren unterdrückt.

… und unspezifischem Schutz

Versuchen verschiedene Virusarten einen Körper als Brutmaschine zu entern, tun sie das oft weniger als Allianz denn vielmehr in Konkurrenz zueinander. Besonders wenn sie als Ziel gleiche Zelltypen anvisieren, erschweren unspezifische Abwehrmechanismen, die der Körper bereits gegen die einen Viren aktiviert hat, das erfolgreiche Eindringen der anderen. Ein bekannter solcher Abwehrmechanismus ist die verstärkte Freisetzung antiviraler Interferone im Verlauf einer akuten Infektion und für noch kurze Zeit danach.

In den Atemwegen konkurrieren harmlose Erkältungsviren, Grippeviren und auch das neue Coronavirus um die gleichen Zielzellen. Da  unterschiedliche Bagatell-Atemwegsviren insgesamt um ein Vielfaches verbreiteter sind als Influenza- oder neue Coronaviren, stehen die Chancen gut, dass erstere schon in den Atemwegen gelandet sind bevor ihre für uns gefährlicheren Konkurrenten ihren Angriffsversuch starten und der genau deshalb scheitert oder zumindest schwächer ausfällt.

Rostet was rastet?

Dass es sich dabei nicht nur um graue Theorie handelt, wurde in den letzten Jahren zumindest für die Grippe bereits in klinischen Studien mit größeren Patientenkollektiven nachgewiesen. Menschen, die akut an einem von Rhinoviren ausgelösten Schnupfen litten oder einen solchen kürzlich überstanden hatten, erkrankten deutlich seltener als Menschen ohne eine entsprechende harmlose Vorgeschichte an einer Grippe. Dass Schnupfenviren nach dem gleichen Prinzip auch gegen Infektionen mit dem neuen Corona-Virus schützen könnten, liegt nahe, wurde bisher aber nur in Zellkulturexperimenten bestätigt. Erste Befunde, ob und inwieweit sich auch Influenzaviren und das neue Corona-Virus wechselseitig behindern, sind noch unzureichend und widersprüchlich.

Nicht ganz korrekt aber einfacher, könnte man das im Vorangegangenen kritisch Erörterte auch so betrachten: Offensichtlich braucht ein Immunsystem auch zur Virenabwehr Training und es ist durchaus plausibel, dass es an Schlagkraft verliert, wenn wir es zu stark und zu lang von koevolutionär bewährten Sparringspartnern abschirmen. Daran sollten vor allem auch jene denken, die damit liebäugeln, Teile der Corona-Schutzmaßnahmen als neue Mittel der generellen Atemwegsinfektprävention selbst dann noch fortzuführen, wenn die aktuelle Coronakrise bereits überwunden ist.

(C) Erschienen in der Abendzeitung vom 17. Mai 2021

Hummelburg im Sittichbrutkasten

12.06.2021: ABSR 236.144

Auf meinem Balkon hängt, wie im Bild zu sehen, seit Jahren ein billig auf einem Flohmarkt erstandener Wellensittichbrutkasten. Der wird eigentlich jedes Jahr von irgend einer heimischen Tierart zur Aufzucht der eigenen Brut genützt. Im Kasten brüteten bereits verschiedene Meisenarten, auf dem Kasten immer wieder mal Amseln.

Letztes und vorletztes Jahr hatte jeweils eine Hornissenkönigin beschlossen, im Sittichkasten ihren Staat zu gründen. Die von 2019 scheiterte aber vor dem Flüggewerden der ersten Brut an einem Buntspecht. Der hatte offensichtlich genau den Zeitpunkt abgewartet, an dem die Hornissenlarven und -puppen bereits schön fett sind, aber noch nicht ihren wehrhaften Stachel nutzen konnten. Schade.

Die Hornissenkönigin vom letzten Jahr hatte zunächst mehr Glück. Sie schaffte zumindest zwei Generationen flügge Brut und ich hatte schon Sorge, dass, würden wir im Sommer in den Urlaub fahren, die Balkonhornissenpopulation unkontrolliert explodiert und die Nachbarn die Feuerwehr holen. Coronabedingte Urlaubssperren erübrigten dann zumindest eine unkontrollierte Explosion der Population. Aber irgendwann im Hochsommer wurden die Hornissen immer weniger statt mehr und nach ein paar Tagen flog gar keine mehr. Kann mir vorstellen, dass eine Hornisse auf einem Beutezug mit einem Kontaktinsektizid in Berührung kam und damit den ganzen Stock kontaminiert hat. Oder vielleicht wurden sie einfach Opfer einer tödlichen entomologischen Infektion. Dabei reicht ja bei staatenbildenden Insekten der Tod der Königin, um innerhalb weniger Tage bis Wochen das gesamte Volk auszurotten.

Heuer hat sich eine Hummel einer eher mittelgroßen Art am Sittichkasten versucht und bislang ist sie erfolgreich. Der Nachwuchs wird immer mehr und es macht Spaß, bei einem guten Glas Rotwein in warmer Spätnachmittagsstimmung den zahlreicher werdenden Hummeln beim An- und Abflug zuzusehen.

Als evolutionsbiologisch interessierten Menschen drängt sich mir dabei allerdings die Frage auf: Wie haben es Hummeln geschafft, nicht schon vor Millionen von Jahren dem Selektionsdruck zu erliegen und auszusterben. Denn wenn man ihre Flugkünste mit etwa denen von Wespen oder Schwebfliegen vergleicht, sind Hummeln Traktoren unter Porsches. Dabei fliegen sie nicht nur langsamer und weniger zackig, sondern auch ausgesprochen tollpatschig. Während es etwa meine ebenfalls fast kleinhummelgroßen Roten Mauerbienen mühelos und zielsicher schaffen, durch einen engmaschigen Spechtschutzhasendraht hindurch ihre nur etwa 8 mm durchmessenden Brutröhren anzufliegen, scheitern meine Hummeln bereits an einem Einflugloch, durch das bestimmungsgemäß ein Wellensittich oder unbestimmungsgemäß ein Eichhörnchen passt. Immer wieder knallt eine erstmal an den Rand des Lochs, bevor es dann beim zweiten oder dritten Versuch klappt.

Weil ich diese Ungeschicklichkeit schon lange kannte und die Engländer Hummeln „humblebees“ nennen, hab ich eigentlich immer gedacht, humble sei mit torkeln oder so ähnlich zu übersetzen. Aber weit gefehlt. „Humble“ als Adjektiv heißt auf Englisch demütig, bescheiden, niedrig oder gering. Als Verb steht es für erniedrigen oder demütigen. Eigenschaften und Tätigkeiten, an die ich bislang im Zusammenhang mit einer Hummel noch nie gedacht habe.

Fisch auf dem Trockenen wie Maus unter Wasser?

Fällt eine Maus im Winter ins Wasser und gerät dabei unter eine geschlossene Eisdecke ohne rasch wieder heraus zu finden, ist die Konsequenz in wenigen Minuten überstanden. Qualvoll dürfte die Angelegenheit dennoch sein. Um das nachzuempfinden, muss man keine Nahertrinkenserfahrung haben oder in eine Waterboarding-Folter der US-Army geraten sein. Es genügt schon der Versuch, einfach nur mal die Luft bis zum Ende dieses Textes anzuhalten.

Während die meisten Landwarmblütler unter Wasser zwar schrecklich aber immerhin vergleichsweise schnell ertrinken, dauert umgekehrt das Ersticken von Fischen an Land ungleich länger. Sind sie groß genug, um nicht in wenigen Minuten zu einer kleinen Mumie zu vertrocknen, erstreckt sich der luftige Tod schon mal über mehrere Stunden. Ob sie dabei die ganze Zeit gleiche Qualen erleiden wie etwa eine Maus beim Ertrinken oder ob zumindest Quallevel mal Qualzeit ein ähnliches Produkt ergeben, hat wahrscheinlich noch niemand so recht untersucht. Man will es wohl auch gar nicht so genau wissen. Und da Fische selbst unter Qualen stumm bleiben, über keinen Dackelblick und auch sonst keine schmerzhaft verzerrbare Gesichtsmimik verfügen, machen sie es den Menschen nicht allzu schwer, ihr Leid zu ignorieren

Immerhin. Ein Sportfischer, der einen mit der Angel gefangenen Karpfen – statt ihm petriheilig den Kopf einzuschlagen – einfach im Gras liegen ließe bis der von selbst stirbt oder ihn erst zu Hause lebendfrisch durch einen ausnehmenden Bauchschnitt erlöst, würde bei Bekanntwerden eines solchen tierschutzrechtlichen Vergehens den Angelschein für vielleicht immer plus auch noch ein paar hundert Euro Bußgeld verlieren. Zumindest als Wiederholungstäter.

Beute aus dem kommerziellen Fischfang darf man dagegen bis zum bitteren Ende einfach liegen lassen. Wo kämen wir da hin, wenn Käptn Iglo und seine Mannschaft jedem der zigtausend aus dem riesigen Schleppnetz geplatschten Meerestiere persönlich das Leben aus dem Leib prügeln oder stechen müssten. Da ist vielmehr Klöckner’scher Ringelschwänzchenpragmatismus gefragt. Fische, die nicht schon im Schleppnetz wie beigefangene Meeressäuger und Pinguine unter Wasser erstickt sind, müssen das an Deck tun. Und das kann, umgeben von den feuchten Leibern der Leidensgenossen, länger dauern als es braucht, um einen solchen Fisch später in der heimischen Küche zu putzen, zu garen und auch noch zu essen. Daran denken die meisten beim Fischmahl wahrscheinlich nicht mal dann, wenn ihnen als Poseidons Rache unversehens eine Gräte Atem raubend im Hals stecken bliebe.

Bienenhotel als Wetterhäuschen

24.02.2021: ABSR 253.956

Die Februarsonne brennt seit Stunden mit mindestens 20 Grad Celsius aufs Balkon-Insektenhotel. Aber es tut sich nix. Alle gut besetzten Löcher sind noch geschlossen und es ist auch kein Nagen zu hören. Eigentlich ein untrügliches Zeichen, dass die Kälte nochmal für mindestens ein paar Tage zurück kommt. Da ändert auch nichts daran, dass die Stare schon seit Mitte des Monats im Lande sind, Schneeglöckten, Krokusse sowie Winterlinge als Pollenquellen blühen und die Zitronenfalter fliegen.

Warum die Zitronenfalter immer die ersten Schmetterlinge sind, die man nach dem Winter sieht, liegt daran, dass sie als fertiger Schmetterling überwintern und nicht erst aus ihrer Puppe schlüpfen müssen, wenn die Kälte nachlässt. Beim Überwintern hilft ihnen übrigens ein körpereigenes Frostschutzmittel.

Auch wenns in bestehenden Hotels noch ruhig ist, ist jetzt die richtige Zeit, ein neues Hotel aufzustellen. Denn dann steht das rechtzeitig bereit, wenn die neue Generation alten Herbergen entweicht und sofort für den neuen Nachwuchs eigene Bruthöhlen sucht.

Wenn Sie jemand kennen, der bereits ein gut besetztes Insektenhotel hat und Sie ein neues etablieren wollen, können Sie Ihren Bekannten fragen, ob Sie Ihr noch leeres Hotel neben seinem besetzten aufstellen dürfen. Denn dann bekommen sie schneller Gäste, als wenn Sie spontan auf zufällige Neuankömmlinge warten. Ist der erste Ansturm abgeschlossen und die Wildbienen haben ihre Eier eingemauert, stellen oder hängen Sie ihr ausgelagertes Hotel bei sich auf den vorgesehenen Platz. Spätestens ab dem nächsten Frühjahr läuft es dann garantiert und forciert ganz von alleine.

01.03.2021: ABSR 45.960 ::: Weiterhin Ruhe vor dem Sturm :::

Während die Honigbienen schon jeden wärmeren Tag für Sammelausflüge zu nützen wissen, herrscht im Solitärbienenhotel nach wie vor Ruhe. Aber ich bin mir sicher, bei der nächsten stabilen sonnigen „Wärmerwetterlage“ geht es los. Wer beim nächsten Run oder besser Flug auf leere Hotelzimmer dabei sein möchte, sollte spätestens jetzt ein neues Insektenhotel aufstellen. Entweder selbstgemacht wie in meinem Buch einfach beschrieben oder gekauft. Gegenwärtig haben die meisten Discounter billige, durchaus ansehnliche und ausreichend funktionelle Modelle um die 7 Euro im Angebot.

Erfreulich für mich: Auch auf Insektenhotelbücher scheint der Frühjahrsansturm loszugehen, wie mein Vorrücken auf dem AmazonBestSellerRang anzeigt. Übrschätzen darf man diesen Sprung allerdings nicht. Möglicherweise reichen schon ein bis zwei mehr verkaufte Bücher für diesen Sprung aus oder auch nur, dass jemand bei der Google-Suche „Insektenhotel“ zufällig öfter auch bei meinem Buch landet ohne überhaupt nur daran zu denken, es zu kaufen.

Übrigens sind nich nur die Stare schon da sondern die Lerchen jubilieren ebenfalls bereits, wie ich mich gestern bei einem ausgedehnten Spaziergang über Felder des Dachauer Hinterlandes überzeugen konnte. Dabei bot der nahezu flugzeugfreie Himmel einen zusätzlichen Reiz.

Weniger reizvoll: Die im Zuge des „privilegierten Bauens“ maßlos aus ortsfernem Ackerland schießenden überdimensionierten Lagerhallen unserer Bauern, die dann nach einer gewissen Schonfrist nicht selten lukrativ an nichtbäuerliches Gewerbe vermietet werden. So macht man aus billigem Ackerland teuren Gewerbegrund. Braucht der Bauer dann tatsächlich doch wieder mal selbst eine Halle und hat er alle, die er schon hat, bereits vermietet, ist es nicht ganz unwahrscheinlich, dass er prompt wieder eine neue genehmigt bekommt. Privilegiertes Bauen ist ein rentables Gut, das in Bayern oft mehr zählt als das Bedürfnis der Bevölkerungsmehrheit nach unverbauten fußläufig erreichbaren Grünzügen.

Die eigentliche Schande ist nicht, dass sich vor allem die ohnehin oft bereits millionenschweren Speckgürtelbauern auf diese Weise zusätzlich bereichern, sondern dass sie bei unseren weniger am Gemein- als vielmehr am Eigen- und Klientelwohl interessierten Regierungspolitikern damit durchkommen. Wer das in Bayern ändern will, darf keinesfalls CSU und auch nicht die Freien Wähler wählen. Die sind zu sehr dem konventionellem Furchenadel, der eine wichtige Stammwählerschaft darstellt, verpflichtet. Wen dann? Gar nicht so einfache Frage, zumal sich oppositionelle Positionen bei Eintritt in die Regierungsverantwortung oft schneller verflüchtigen als die Trauerschweber um mein Insektenhotel.

02.03.2021: ABSR 94.427 ::: Schneller als gedacht :::

Naja. Ging jetzt schneller als gedacht. Heute Morgen hatte die erste Mauerbiene den Verschluss ihrer Neströhre frei gefräst und zumindest schon mal den Kopf in die Sonne gehalten. In den nächsten Tagen könnte also das große Schwärmen los gehen. Und das, obwohl für das Wochenende noch frostige Temperaturen angesagt sind. Schneller als gedacht sauste auch wieder mein ABSR nach hinten. Wird nix mit Insektenhotelbuchmillionär!

30.03.2021: ABSR 60.117 ::: Unumkehrbarer Frühling :::

Es ist dann doch noch mal ruhige Eiszeit ins Insektenhotel eingekehrt. Aber seit etwa einer Woche ist dort jetzt die Hölle los. Das und auch die in Laichstimmung befindlichen Grasfrösche im Gartenteich sind ein untrügliches Zeichen, dass der Frühling nun da und kein Winterrevival mehr zu befürchten ist. Denn sowohl Wildbienen als auch Frösche brauchen angenehme Temperaturen, um ihren wechselwarmen Organismus in Schwung und Laune zu bringen.

Anders die Vögel. Die bekommen weitgehend temperaturunabhängig schon allein durch den steigenden Stand der Sonne und die länger werdenden Tage Frühlingsgefühle, die sie Nester bauen und jubilieren lassen. Ein paar Beispiele, wer da wie singt, hören Sie hier .

02.04.2021: ABSR 153.217 ::: Welche Hummel ist das :::

In Deutschland soll es 41 Arten von Hummeln geben. Welche Sie gerade sehen? Das kleine“Pelztier“ einfach mit dem Handy fotografieren und das Foto per WhatsApp oder E-Mail an den Bund Naturschutz schicken. Sie erfahren per Rückmail die Antwort und der Bund Naturschutz erhält aufgrund der hoffentlich vielen Einsendungen einen bedingten Überblick, welche Hummeln wo in Deuscthland (noch oder wieder) zu finden sind. Mehr dazu hier: https://www.bund-naturschutz.de/aktionen/welche-hummel-ist-das.

06.04.2021: ABSR 209.867 ::: Kalte Täuschung :::

Da haben sich am 30.03.2021 meine Insektenhotelbewohner und ich gehörig getäuscht. Statt unumkehrbarem Frühling gestern, heute und morgen eisstarrender Kälteeinbruch, der nicht nur junge Blüten sondern auch meine entwinterte Wasseranlage im Kleingarten gefährdet. Naja, ab übermorgen soll es besser werden. Parallel zum Thermometer fällt offensichtlich auch der ABSR ins Bodenlose. Bin gespannt, was die Jahresabrechnung des Nietsch-Verlages, die eigentlich spätestens Ende März hätte kommen sollen, dazu sagt.

29.04.2021: ABSR 61.732 ::: Insektenbiotope auf Balkonen, Terrassen und in Kleingärten :::

Der BUND e.V. schägt in die gleiche Kerbe wie ich (oder ich wie der) und hofft, dass sich bundesweit möglichst viele insektenfreundliche Kleinbiotope auf Balkonen, Terrassen und in Kleingärten zu einem möglichst großen Biotopverbund vereinen. Anregungen finden Sie unter anderem hier: https://www.bund.net/umweltgifte/pestizide/insektenfreundlicher-garten/

Zu einem insektenfreundlichen Biotop, dass natürlich auch zahlreiche andere Tiere anlocken kann, gehört eigentlich selbstverständlich, der allgegenwärtigen Lichtüberflutung, zu der nicht zuletzt Baumärkte und Discounter mit immer billigeren Solarlichtern verlocken, Einhalt zu gebieten. Das stört nicht nur das Liebensleben der Glühwürmchen sondern ist für viele nachtaktive Insekten ein tödlicher Magnet. Auch uns Menschen tut unnötiges Nachtlicht nicht gut. Goggeln Sie zum Beispiel den Begriff „Lichtverschmutzung“ allein und in Kombination mit „krank durch“ oder „Schlafstörung“.

Offene Wettbüros im Lockdown – (k)eine Fata Morgana

Seit Mitte Dezember 2020 herrscht in Bayern harter Lockdown. Wer weder Lebensmittel noch ein paar sonstige unabdingbare Notwendigkeiten des Alltags verkauft, hat zu zu haben. Baumärkte, die meisten Läden und Geschäfte wie zum Beispiel Friseure, Blumengeschäfte usw. haben geschlossen, Sportstätten ebenso. Selbst Spaziergänge in einsamer Einsamkeit nach 21 Uhr waren bis Rosenmontag verboten. Also hab ich meine üblichen späten Spaziergänge auf den frühen Abend verlegt und bin dabei mehrmals über offene Wettbüros gestolpert. Das veranlasste mich am 1. Februar 2021, folgende Fragen an die Pressestellen der Innenministerien von Bund und Bayern, ans Kreisverwaltungsreferat der Stadt München und ans Ordnungsamt meiner Heimatstadt zu stellen:

Sehr geehrte Damen und Herren, 

zurzeit haben Friseure und zahlreiches anderes Gewerbe mit Publikumsverkehr zwangsweise geschlossen. Wettbüros haben jedoch, wenngleich mit einigen Einschränkungen, auf. 

Wie erklärt sich das? 

Sind sie systemrelevanter als etwa  Friseure? 

Steckt man sich in  oder vor (in enger Runde, mit Maske unter der Nase und Coffee-to-go in der Hand) einem Wettbüro weniger leicht an als in einem Friseursalon? 

Haben Wettbürobetreiber die besseren Anwälte? 

Für eine ehrliche und schnelle Beantwortung meiner Fragen wäre ich Ihnen sehr dankbar.

Mit freundlichen Grüßen

Werner Stingl

Medizinjournalist

Die Pressestelle des Bundesinnenministeriums antwortete – wie schon mehrmals erlebt – gar nicht. Alle anderen schnell. Aber nur, um mir mitzuteilen, dass sie nicht zuständig sind. Als korrekte Adresse für meine Fragen verwiesen das Bayerische Innenministerium und das Kreisverwaltungsreferat der Landeshauptstadt auf das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege (StMGP), das Ordnungsamt aufs Landratsamt. Also die gleichen Fragen noch mal jeweils dorthin. Die Antworten kamen erfreulich rasch. Pressesprecher André Preuschoff vom StMGP ließ mich wie folgt wissen:

Sehr geehrter Herr Stingl,

vielen Dank für Ihre Anfrage, zu der wir Ihnen folgendes mitteilen möchten. (Quelle: EIN MINISTERIUMSSPRECHER)

+++

SPRECHERANTWORT:

„Während des derzeitigen hohen Infektionsgeschehens sind umfassende Maßnahmen zur möglichst weitestgehenden Kontaktreduktion erforderlich. Die Schließung von Friseuren ist in diesem Kontext zu sehen. Darüber hinaus ist anzumerken, dass beim Friseurbesuch der Mindestabstand von 1,5 Metern zwischen Friseur und Kunden nicht einzuhalten ist. Insgesamt gilt es zu bedenken, dass in Wettbüros Mindestabstände einhaltbar sind und die Kontaktdauer regelhaft kürzer ist als beim Friseurbesuch.“

+++

Mit freundlichen Grüßen

André Preuschoff

Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit und Pflege

Pressestelle

Der Pressesprecher des Landratsamtes antwortete am gleichen Tag knapper und eindeutiger:

Sehr geehrter Herr Stingl, 

gemäß der elften Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung müssen Wettannahmebüros und Spielhallen auch geschlossen sein. Hier die aktuelle Positivliste des Ministerums:

 Sollten Sie ein geöffnetes Geschäft wissen, Können Sie uns dies mit Anschrift und Uhrzeit der Feststellung melden, dann werden wir ein entsprechendes Ordnungswidrigkeitenverfahren einleiten.

Mit freundlichen Grüßen 

Pressesprecher XY

Da ich die beiden Auskünfte nicht ganz übereinstimmend fand, ließ ich dem Landratsamtsprecher die Antwort des Ministeriums wie folgt zukommen:

Sehr geehrter Herr XY,

wie soeben besprochen, hier unten (da ich für meinen Blogbeitrag den Chatverlauf entgegen der E-Mail-Chronologie von oben nach unten geordnet habe, am Originalwortlaut aber nichts ändern wollte, ist hier und im weiteren Verlauf „unten“ gedanklich durch „oben“ zu ersetzen, Anmerkung wst) die Antwort aus dem bayr. Staatsministerium für Gesundheit und Pflege, die sehr fadenscheinig und ohne auf meine einzelnen Fragen eingehend begründet, warum Wettbüros im Gegensatz zu Friseuren (die für mich nur ein Beispiel für viele waren, die zuhaben müssen) offensichtlich aufhaben dürfen.  Dürfen sie jetzt – oder nicht?  Der Blumenfrau im Blumenladen, der zuhaben muss, kommt man beim Kauf eines Blumenstraußes sicher nicht näher als dem Angestellten im Wettbüro beim Auszahlen eines Gewinns oder beim Überreichen eines Wettscheins. Und mehr noch: Während es vor Blumenläden eher selten zur Gruppenbildung kommt, ist das vor Wettbüros durchaus evidenzbasiert.

Viele Grüße

Werner Stingl 

Offensichtlich wurde diese Mail umgehend ans StMGP weiter geleitet, denn die Antwort kam unverzüglich von dort:

Sehr geehrter Herr Stingl,

anlässlich Ihrer unten stehenden E-Mail an das Landratsamt WZ möchten wir Folgendes klarstellen.

Wettbüros sind als Wettannahmestellen, Spielhallen bzw. vergleichbare Freizeitstätten i. S. d. § 11 Abs. 6 der Elften Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung (11. BayIfSMV) geschlossen.

Dies gilt unabhängig davon, ob die Infektionswahrscheinlichkeit bei einem Friseurbesuch höher wäre als bei einem Besuch eines Wettbüros.

Sowohl Wettbüros als auch Friseursalons (§ 12 Abs. 2 11. BayIfSMV) sind geschlossen.

Sollte es in Folge unserer unten stehenden E-Mail zu Missverständnissen gekommen sein, bitten wir dies zu entschuldigen.

Mit freundlichen Grüßen

André Preuschoff

Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit und Pflege

Pressestelle

Auch wenn damit der scheinbare partielle Widerspruch zwischen Amt und Ministerium ausgeräumt war, bestand aber nach wie vor der Tatbestand empirisch gesicherter offener Wettbüros. Auch wollte ich meinen Verdacht ansprechen, dass ich die erste Antwort des Ministeriums vielleicht gar nicht missverstanden hatte. Telefonisch wäre das wohl leichter zu klären gewesen, aber da es nicht möglich war, auf diesem Weg an Herrn Preuschoff ran zu kommen, deshalb noch mal eine Mail ans StMGP:

Sehr geehrter Herr Preuschoff,

darf man Ihrer ersten Antwort vom 02.02.21 entnehmen, dass Sie zu diesem Zeitpunkt davon ausgegangen sind (bzw. die Information hatten), dass Wettbüros, im Gegensatz zu Friseuren und vielen anderen Dienstleistern derzeit aufhaben dürfen? Herr XY vom Landratsamt WZ, dem ich zeitgleich wie an Sie die gleichen Fragen geschickt hatte, war schon zum damaligen Zeitpunkt überzeugt (bzw. hatte die Information), dass auch Wettbüros geschlossen haben müssen. Nachdem ich Herrn XY Ihre Antwort zukommen lassen habe, hat er diese offensichtlich an Sie weitergereicht und es kam Ihre Klarstellung von heute, wonach Wettbüros geschlossen haben müssen. Ich glaube nicht, dass der Widerspruch ein Missverständnis meinerseits war sondern möglicherweise ein Indiz, dass  die Sachlage auch im StMGP nicht ganz klar ist bzw. die eine Hand nicht weiß, was die andere tut. Was dem Ganzen noch ein Sahnehäubchen aufsetzt, ist die Tatsache, dass ich an jedem der letzten Tage auf meinem Weg ins Büro an einem offenen Wettbüro vorbeiging. Ist da dann von einem Rechtsbruch auszugehen oder haben  findige Wettbürobetreiber eine Gesetzeslücke gefunden, z.B. im Sinne von Click und Collect? Für eine weitere Stellungnahme wäre ich dankbar und verbleibe

mit freundlichen Grüßen

Werner Stingl

Gut möglich, dass ich Herrn Preuschoff ob meiner Begriffsstutzigkeit inzwischen gehörig auf den Wecker ging, aber er wiederholte sich freundlich und sachlich ohne aber auch nur ein bisschen auf meine alten und neuen Zusatzfragen einzugehen:

Sehr geehrter Herr Stingl,

der Betrieb von Wettannahmestellen ist nach § 11 Abs. 6 Elften Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung (11. BayIfSMV) untersagt. Zur besseren Nachvollziehbarkeit haben wir Ihnen die entsprechenden Textpassagen beigefügt.  Ob und inwieweit das von Ihnen beschriebene Geschäft unter § 11 Abs. 6 11. BayISMV fällt, können wir mangels Kenntnis des konkreten Sachverhalts nicht beurteilen. Im Übrigen verweisen wir auf unsere heutige E-Mail.

+++

§ 11 Freizeiteinrichtungen

(1) 1Der Betrieb von Freizeitparks und vergleichbaren ortsfesten Freizeiteinrichtungen ist untersagt. 2Freizeitaktivitäten dürfen gewerblich weder unter freiem Himmel noch in geschlossenen Räumen angeboten werden.

(2) 1Spielplätze unter freiem Himmel sind für Kinder nur in Begleitung von Erwachsenen geöffnet. 2Die begleitenden Erwachsenen sind gehalten, jede Ansammlung zu vermeiden und wo immer möglich auf ausreichenden Abstand der Kinder zu achten.

(3) Stadt- und Gästeführungen, Berg-, Kultur- und Naturführungen sowie Führungen in Schauhöhlen und Besucherbergwerken sind untersagt.

(4) Der Betrieb von Seilbahnen, der Fluss- und Seenschifffahrt im Ausflugsverkehr sowie von touristischen Bahnverkehren und Flusskreuzfahrten sind untersagt.

(5) 1Die Öffnung und der Betrieb von Badeanstalten, Hotelschwimmbädern, Thermen und Wellnesszentren sowie Saunen ist untersagt. 2 § 10 Abs. 2 bleibt unberührt.

(6) Bordellbetriebe, Prostitutionsstätten, Spielhallen, Spielbanken, Wettannahmestellen, Clubs, Diskotheken, sonstige Vergnügungsstätten und vergleichbare Freizeiteinrichtungen sind geschlossen.

+++

Mit freundlichen Grüßen

André Preuschoff

Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit und Pflege

Pressestelle

Spätestens jetzt sollte doch eigentlich alles klar sein. Wenn da nur nicht die nach wie vor offenen Wettbüros wären, weshalb ich ein letztes Mal nachhaken wollte:

Sehr geehrter Herr Preuschoff,

entschuldigen Sie bitte meine Hartnäckig- oder Lästigkeit im Dienste einer korrekten Berichterstattung. Aber mir ist immer noch unklar, ob Wettbüros wann und wie in Bayern aufhaben dürfen. Meines Wissens dürfen sie nicht, wie auch Sie es meinen. So weit ich auch weiß, haben Wettbüros in Hessen und NRW bereits am Anfang des Lockdowns gerichtlich eine (Teil-)Öffnung erwirkt, was aber für Bayern ohne rechtliche Konsequenz sein dürfte. Dennoch haben in München und Umgebung viele Wettbüros offen, wenn auch mit reduzierten Zeiten und Diensten. Anbei im Anhang zwei „Beweisfotos“, die ich am 31. Januar 21 an der Eingangstür eines oberbayerischen Wettbüros aufgenommen habe. Man kann sich aber auch in Ihrem Haus jederzeit bei einem kleinen Spaziergang zwischen 11 und 19 Uhr in einschlägigen Vierteln eine gleiche Erkenntnis verschaffen (bzw. diese Aufgabe an eine Polizeistreife delegieren).

Jetzt nochmal erneut meine Fragen zu den Wettbüros: 

Dürfen sie oder dürfen sie nicht im Lockdown offen haben? 

Und wenn sie es nicht dürfen, warum lässt man sie? 

Wenn sie es jedoch doch dürfen, warum gerade sie und viele andere nicht? Berücksichtigen Sie vielleicht für diesen letzten Fall bitte auch meine am 1. Februar initial an Sie gestellten Fragen (siehe in dieser E-Mailkette  ganz unten).

Ich bedanke mich im Voraus für Ihre Geduld und bitte um eine Antwort deadlinebedingt möglichst bis Montag Mittag (15.02.21)

Mit freundlichen Grüßen

Werner Stingl

Die Antwort oder Nichtantwort übernahm diesmal eine Kollegin Herrn Preuschoffs, die aber nur noch mal in gekürzter Form wiederholte, was der in seiner vorangegangenen Mail geschrieben hatte.

Na ja, die erste und dritte der zuletzt gestellten Fragen hätte ich mir und Herrn Preuschoff wohl wirklich ersparen können, zumal die inzwischen formal hinreichend beantwortet waren und nix Neues zu erwarten war. Die zweite und entscheidende Frage war allerdings nach wie vor relevant. Denn so manches bayerisches Wettbüros hatte und hat definitiv im Lockdown auf, und das nicht mal sonderlich versteckt. Es scheint wohl eine Lücke zu geben, durch die einige dieser Einrichtungen hindurch schwimmen. Ich habe es aufgegeben, von einem Amt zu erfahren, wie diese Lücke aussehen könnte. Vielleicht besteht ja die Lücke darin, dass einzelne Ministeriums- und Amtsmitarbeiter, darunter auch solche der Kontrollbehörden vor Ort, nicht so genau wissen, was Sache ist. Dafür spricht nicht zuletzt Herrn Preuschoffs erste Antwort und die Tatsache, dass sich das Bayerische Innenministerium, das Kreisverwaltungsreferat der Stadt München und das lokale Ordnungsamt von Anfang an als nicht zuständig für meine initialen Fragen erklärt haben sondern mich sofort auf das StMGP bzw. das Landratsamt verwiesen haben.

Eines der offenen Wettbüros hinzuhängen, um zu schauen, was dann von Amts wegen passiert beziehungsweise welche Erklärung es gibt, warum nichts passiert, wollte ich nicht. Ich bin Journalist, kein amtliches Kontrollorgan und auch kein Denunziant.

Vielleicht ist die Erklärung für (teil)offene Wettbüros im Lockdown aber auch, dass die in der Positivliste erwähnte und von mir in meinen Fragen sogar angesprochene Click und Collect-Option – angesichts ihrer Systemrelevanz schwer nachvollziehbar – auch für Wettbüros gilt, was denen einen gewissen auch darüber hinausgehenden Handlungsspielraum gewährt. Das hätte man mir dann doch aber ganz einfach schreiben können – wenn man es denn gewusst hätte. Erstaunlich ist auch, dass viele Gewerbe diese Option offensichtlich weniger zu nutzen wissen.

Hausmeister mögen’s laut!

Hausmeister mögen es offensichtlich laut. Das war schon früher so, wenn sie etwa mit Gebrüll Kinder vom Rasen, den zu betreten schildgemäß verboten war, verjagten. Heute gibt es kaum noch Rasenbetretungsverbote für Kinder und fast alle Hausmeister wollen kein Kinderschreck mehr sein.

Hausmeister sind auch sonst nicht mehr das, was sie mal waren. Ehedem meist ein Rentner oder Nebenjobber, der sich je nach Wetterlage im Feinrippunterhemd oder Blaumann ein paar Mark dazu verdiente, haben die Ordnung in Wohnanlagen heute eher mehr als weniger bezahlte professionelle Hausmeisterdienste übernommen, die ihren von Engelbert-Strauss eingekleideten Angestellten eher weniger als mehr bezahlen.

Auch wenn moderne Hausmeister kaum noch schimpfen, haben sie nichts an Lautstärke eingebüßt. Im Gegenteil. Zusätzlich zum schon lange typischen Motorrasenmäher strapazieren sie die Ohren ihrer Mitmenschen das ganze Jahr über mit verbrennungsmotorgetriebenenen Laubbläsern und Laubsaugern, Hecken- und Freischneidern.

Ich fragte mich lange, warum Hausmeister offensichtlich den Lärm so lieben. So sehr, dass sie ihre dezibel- und abgasstarken Höllenmaschinen selbst dann anwerfen, wenn sie es von Gesetzes wegen eigentlich gar nicht dürfen; also etwa vor neun Uhr, nach 17 Uhr oder zwischen 13 und 15 Uhr. Oder ist die Lautstärke nur ein notwendiges Übel ihres Fleißes? Fleißige Männer, für deren Fleiß der Tag zu kurz ist, um auf amtliche Ruhezeiten Rücksicht zu nehmen?

Nein. Die wahre Antwort brachte mir der oben abgebildete Gegenstand. Was das ist? Ein schätzungsweise 40 mal 60 Zentimeter großes Stück Karton, das am Rand unserer Wohnanlageneinfahrt und in Sichtweite meines Homeoffice-Arbeitsplatzes gelegen hat. Normalerweise hätte ich es irgendwann beim Vorbeigehen im Papiercontainer entsorgt, aber ich wollte mal wissen, wie lange es liegen bliebt, wenn ich es liegen lasse. Die Antwort: Geschlagene zweieinhalb Wochen.

 In dieser Zeit habe ich unsere Hausmeister in wechselnder Besetzung nahezu werktäglich knapp am Karton vorbei mit dem Laubbläser ein paar Blättern hinterher jagen gesehen. Warum, wunderte ich mich, lassen sie diese sinnlos anmutende Tätigkeit nicht einfach mal sein und heben dafür den Karton auf, um ihn in die nächste Papiertonne zu tragen?

Die Lösung ist so nahe liegend wie banal. Die Pappkartonentsorgung ist zu leise, zu unauffällig. Der da hinein investierte Fleiß wird vom Kunden womöglich gar nicht gehört, nicht bemerkt. Also lässt es der Hausmeister lieber sein und widmet sich überzeugenderen Tätigkeiten.  Bei Laubblasen und ähnlichem Hausmeisterkrawall ist der Fleiß selbst dann unüberhörbar, wenn es in Wirklichkeit gar nicht so weit her damit ist. Die Gleichung, der Hausmeisterfleiß könne am Lärm abgelesen werden, den er verursacht, geht nicht unbedingt auf, wenngleich ihr viele auf den Leim gehen.

Wer den Karton schließlich wann genau entsorgt hat? Ein Anwohner, die städtische Straßenreinigung oder doch ein Hausmeisterservicemitarbeiter? Ich weiß es nicht. Es ist mir schlichtweg entgangen, was letztendlich für meine These des Scheins vor dem Sein spricht. Lauter Fleiß wird zuverlässiger registriert, auch wenn oder gerade weil er nervt.